Wieviel Kunst braucht es, um gerettet zu werden – zu 25 Jahre East Side Gallery

Wieviel Kunst braucht es, um gerettet zu werden?

Was macht die East Side Gallery so einzigartig?, Warum ist es so schwer, sie zu retten?

Die East Side Gallery unterscheidet sich von allen Denkmalen, die wir in Deutschland kennen. Es gibt Stätten der Mahnung, der Erinnerung, unsere Geschichte wird erzählt, sie sind gestaltet, geplant, abstrakt mit Aussagen versehen, die wir fassen können, die wir verstehen.

Wie geht man mit einem Denkmal um, das diesen Anforderungen so gar nicht genügt? Welches wir nicht in der Hand haben? Was sich von innen heraus geformt, gestaltet hat, aus dem Erfordernissen und den Wirren der Zeit? Einer Zeit, die vergessen werden soll. Einer Zeit, in der alles möglich war, auch ein neues Deutschland.

Zwischen den Dingen stehend, auf der einen Seite ein Relikt der DDR, den Staat, eine Diktatur, ein Unrechtsstaat? Die unendliche Mauer, mehr als tausend Meter, original erhalten, Stahlbeton begreifbar, ein geteilter Himmel. Auf der anderen Seite die Überformung dieser Mauer durch Malerei aus aller Welt, Ideen, Emotionen, Zeitstempel der innersten Gedanken und Gefühle der Künstlerinnen und Künstler.

 

Schon ein Jahr nach ihrer Entstehung unter Denkmalschutz gestellt und seither in ständiger Gefahr, zu verschwinden. Opfer der sich veränderten Zeit zu werden. Städtebauliche Nutzung des Terrains für Interessen Weniger, Opferung der Erinnerung, die so schwer zu ertragen ist.

Wofür steht die East Side Gallery? Was macht sie so besonders? Warum hat sie keine Lobby?

Mittlerweile kommen tausende Besucher Tag für Tag, Millionen pro Jahr, bestaunen die Bilder, versuchen, deren Geschichte und Herkunft zu begreifen, berühren die schier unendliche Mauer, bekritzeln sie, besprühen sie. Es ist das Besondere dieses Ortes, der sie hertreibt, vor allen anderen besonderen Orten in Berlin.

„Die East Side Gallery ist kein nationaler Gedenkort“, so die Einschätzung aus dem Kultusministerium, sondern ein international bekannter Berliner Kulturort. Und weil das so gesehen wird, gibt es keine Lobby und somit kein Geld.

Was bedeuten dann die 100 Bilder, wenn nicht Erinnerung, nur woran?

Es ist eine Erinnerung an eine Zeit, in der die Menschen in Europa seltsam frei waren, ein System hatte sich gestürzt, Millionen Menschen aus dem Osten Deutschlands haben sich auf der Straße ihre Freiheit erkämpft. Der eiserne Vorhang in Europa war gefallen, die Grenzen zum Westen waren weit geöffnet. Es war die Zeit der runden Tische, wo man über eine neue Gesellschaft innerhalb der DDR diskutierte, wo die Deutsche Einheit noch nicht so ganz auf dem Plan stand. Wo es noch die Chance oder zumindest den Wunsch gab, etwas Anderes, Neues, Besseres zu schaffen, als den Übergang von einem Regime in ein anderes.

Diesen Gedanken sprechen ein paar der Bilder aus, da gibt es den zögernden Springer im Bild „Willkommen“ vom damals ostdeutschen Künstler Oliver Feind-Meline. Er will verharren, fällt doch mit einer Hand vor dem Gesicht in die neue Zeit, in der Arbeitslosigkeit, Enteignung der Arbeitskraft auf dich wartet, aber es geht nicht mehr zurück, er fällt schon.

Da sind Gedanken an Frieden in der Welt, „Frieden für Alles“, von der Kunstpädagogin Ursula Wünsch an die Mauer gemalt, Frieden vor allem für die Kinder. Der „Mauerspringer“ vom französischen Künstler Gabriel Heimler, der lange Jahre vor dem Mauerfall in Ostberlin lebte. Sein Springer springt in den Osten, um zu zeigen, dass es dort Dinge gab, die erhaltenswert wären, um sie in ein neues Deutschland mitzunehmen. Kostenlose medizinische Versorgung und Bildung für alle. Bezahlbaren Wohnraum, recht auf einen Arbeitsplatz, Gleichstellung der Frau.

Oder den bekannten Kuss der beiden Parteichefs der kommunistischen Parteien der DDR und der damaligen UdSSR Honecker und Breshnew. In ewiger Umarmung stehen sie für eine Ära der Stagnation, des kalten Krieges für einen unverbrüchlichen Zusammenhalt, der deutsch-sowjetischen Freundschaft. Durch die Kopie eines Fotos von 1979 wurde der russische Künstler Dimitri Vrubel weltberühmt.

Ein Trabi fährt durch die Mauer, dieses Motiv der ostdeutschen Künstlerin Birgit Kinder ist eines der bekanntesten Bilder an der East Side Gallery. Es heißt heute „Test the Rest“, vormals „Test the Best“, auch als Antwort des Umganges der Verantwortlichen mit der Geschichte.

Ja es ist ein Stück Geschichte, Geschichte der DDR, Geschichte der UdSSR, Geschichte Osteuropas, wie es war oder vielleicht werden könnte zwischen den Zeiten. Es ist nicht leicht, sich dieser Geschichte zu stellen. Ist sie doch nicht geradlinig. Ist sie nicht einfach von Ost nach West. DDR weg, BRD willkommen, oder Osteuropa weg, Warschauer Vertrag weg, Westeuropa, EU, NATO willkommen. Nein sie ist subtiler, vielfältiger, ambivalenter.

Die Besucher erinnern sich. Denken zurück an eine Zeit, in der es möglich war, frei zu denken. Menschlichkeit, Solidarität, Mitgefühl, Hoffnung, Frieden. Wo ist das zwischen den Zeiten geblieben?

Es geht nicht nur darum, mich an eine Zeit oder an ein Ereignis, das hundertfach definiert wurde, festgeschrieben wurde, zu erinnern. An der Bernauer Straße erinnern sich die Menschen an die Unmenschlichkeit einer Grenze, an die Bemühungen von Menschen, einen Unrechtsstaat zu verlassen, an Opfer eines totalitären Regimes, das endlich überwunden wurde.

An der East Side Gallery ist das anders. Hier sehen Besucher aus aller Welt die schier unendlich lange, hohe Mauer, unverfälscht, original, den geteilten Himmel. Und sie sehen bunte Bilder, Geschichten, freundliche Farben und Stimmungen, die die besonderen Ereignisse jener Zeit der Wende wieder aufleben lassen. Nein, es ist kein geplantes, erdachtes Denkmal, das in bestimmten Kategorien eine festgelegte Aussage zu haben hat, nein es ist kein Ort des Gedenkens, wo Politiker Kränze niederlegen können, es ist kein Friedhof, wo Staatsmänner sich an den Händen fassend, Symbolik kreieren können. Dieser Ort ist ein unendlich kostbares Zeitdokument.

Die Gruppe weniger Künstler, organisiert in einem Verein sind die Einzigen, die über die Jahre für die Erhaltung dieses Denkmals gekämpft haben. Sie haben kein Geld, sie haben keine Lobby, sie haben keinen Interessenverband. Sie kämpfen und überleben von privaten Spenden, von Unternehmen, die die diese Mauer als Werbekulisse oder Filmhintergrund benutzen.

Vielleicht ist die East Side Gallery auch nicht dafür geeignet, in die Stiftung Berliner Mauer überführt zu werden, um hier einen Ort der historisch-politischen Bildung zu etablieren. Hier geht es um die Rolle der Kunst, den besonderen Zeitcharakter dieses Ortes zu erhalten. Hier geht es um die Aufgabe, kommenden Generationen Geschichten zu erzählen, die die Bilder beschreiben. Sie teilhaben zu lassen an der Freude, der Euphorie an der unendlichen Leichtigkeit der Augenblicke, die die Welt, die die Menschen Europa besonders in Berlin in den Tagen nach dem Mauerfall erlebt haben.

Um diesen Ort dauerhaft erhalten zu können sind mehrere Aufgaben zu lösen. Als erstes muss ein Finanzkonzept erstellt werden, die Mauer und die Bilder zu erhalten.

  1. Dazu gehört regelmäßige professionelle Reinigung von Graffiti und Übermalungen.
  2. Es sollte ein Infozentrum, eine Begegnungsstätte errichtet werden, wo Besucher aufgefangen werden, Hintergrundinformationen, Erklärungen erhalten, wo Gespräche, Foren, Schulungen, thematische Führungen organisiert werden können.
  3. Es sollten Hinweisschilder aufgestellt werden, die auf die Bedeutung dieses besonderen Ortes hinweisen und vor Verunreinigungen, Graffitischmierereien warnen.
  4. Ein vernünftiges Parkraumkonzept muss realisiert werden, der Parkstreifen an der Mühlenstraße zur Spree muss bis auf wenige Ausnahmen abgeschafft werden, zusätzlich sollte ein Beleuchtungskonzept realisiert werde, dass auch bei Dunkelheit die Bilder beleuchtet und illegale Sprayer abschreckt. Dazu gehört ebenso ein Bewachungskonzept durch regelmäßige Streifengänge.
  5. Keine weiteren Bauvorhaben hinter der Mauer auf dem Uferstreifen zur Spree, keine weiteren Mauerdurchbrüche, stattdessen teilweise Rückführung des Geländes in einen Gedenkraum, der die Situation während der intakten Mauer nachzeichnet.
  6. Umwandlung des Touristenkioskes (Glanze) Höhe Ostelboot in einen öffentlichen Raum zur Erinnerung an den damaligen Charakter als Postenruheraum für die Grenztruppen der DDR. Rückführungen der Graffitis am Kiosk in den damaligen Zustand (grau)
  7. Installation eines kleinen ca. 60 cm hohen Abstandszaunes in einem Abstand von ca. 50 cm vor den Bildern, um sie in einem respektvollen Abstand optisch vor Graffiti und Beschmieren zu schützen.

Dies sind unsere 7 Punkte, die die Künstlerinitiative seit vielen Jahren fordert. Die Realisierung würde einen jährlichen Betrag von ca. 250.000 € erfordern, das sind weniger als 5% des jährlichen Etats der Bernauer Straße und nur 2% der Kosten für ein neues Denkmal für die deutsche Einheit.

Es ist nach 25 Jahren endlich an der Zeit, die dauerhafte Erhaltung und Rettung der East Side Gallery nicht nur den Künstlern zu überlassen, sondern dies mit ihnen Hand in Hand gemeinsam mit den verantwortlichen Politikern, Planern und weltweit Interessierten anzugehen.

Advertisements

Über kuenstlerblogberlin

Berliner Künstler, Webdesign, Webgrafik, Malerei
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s